Langsam auf das Tor zugehen

In meinem vorherigen Beitrag habe ich geschrieben, dass meine Mutter den letzten Spaziergang angetreten ist, der am Ende das irdische Leben beendet und uns, die wir noch hier sind, zurücklassen.
Spürbar hat sich der Zustand seit Mittwoch verändert. Durst wurde weniger, Ansprechbarkeit ist zwar da, aber die Antworten kommen nicht immer. Die Palliativfachpfleger haben mir erklärt, dass dies ein normaler Vorgang ist, der Körper fährt den Organismus langsam, aber sicher zurück auf „Notbetrieb“ und dann werden Sprache, Sehen nicht mehr so wichtig eingestuft. Atmung ist hier sehr wichtig. Der Körper „baut“ immer wieder Atempausen ein, die dann wieder beendet werden, in dem meine Mutter versucht einen Rhythmus zu finden. Diesen findet sie durch das Geben von Lauten, auf das sie dann hört, umso wieder „sicher“ zu sein, dass sie Luft bekommt. Auch wird nun Morphin gespritzt, um die nun auftretenden Schmerzen (Organe, die aufhören zu arbeiten, Lagerungsschmerzen) wegzunehmen, aber nur so weit, dass keine Betäubung stattfindet.

Am Bett sitzend, mehrere Stunden, die Hand haltend und streichelnd, so wie meine Mutter es gemacht hat, wenn es mir als Kind nicht gut geht, das ist nun meine Aufgabe, auch um die Verbundenheit zu zeigen, dass es meine Mutter ist und ich ihr Kind. Über die Amazon Alexa (Achtung: keine bezahlte oder sonstige Werbung!) wird im Hintergrund Volksmusik, christliche Gesänge und Marschmusik gespielt. Musik hat sie immer gern gehört und die Box ist nun im Dauereinsatz.

Und heute am Freitag ist auch die Nachbarin gegenüber – eine gute Freundin meiner Mutter – mit ins Pflegeheim gefahren, weil sie das Bedürfnis hatte, sich von ihr zu verabschieden.
Und heute war meine Mutter auch ansprechbar und hat geantwortet und sich riesig gefreut, dass sie Besuch bekommt. Es war für mich schön, dass sie wieder „gut drauf“ ist. Aber das ist nur am Freitag so gewesen.

Samstag wurde ich gleich damit empfangen, dass man mir sagte, dass die Atempausen nur mehr werden und die Dosis Morphin erhöht wurde. Auch war der Durst weg, aber dennoch habe ich ihr dann wieder mit der Pipette Flüssigkeit zugeführt und wie es mir gezeigt wurde auch regelmäßig das Gesicht abgewaschen. Auch habe ich erkennen gelernt, wann meine Mutter einen Lagerungswechsel braucht, da ihr sonst das Steißbein durch das Liegen weh getan hat. Das ist eine Verletzung, die sie vor ein paar Jahren bekommen hat, als sie auf das Steißbein gefallen war. Die Fachpfleger sind dann auch schnell da und führen die Umlagerung durch.

Der Sonntag war dann wieder ein wenig schlechter, so dass man mir sagte, dass es heute oder morgen zu Ende gehen wird. Es ist erstaunlich, wie man eine Aussage treffen kann, wenn man eine Person nur anschaut, die Atmung und die Farbe im Gesicht und den Händen. Erstaunlich und erschreckend. Bis 20:00 war ich dann wieder vor Ort. Geschlafen habe ich eher unruhig. Vielleicht auch durch die Angst, dass nun der Zeitpunkt wirklich kommt…

Author: alex-aaron

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